Tempo 30 in Münster: Eine Stadt streitet sich

19. Juni 2015

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*Gast-Blogpost von Florian Voß.*
Muss nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

Viel emotionaler kann eine Diskussion wohl kaum geführt werden. Wenig scheint die Menschen in Münster derzeit so sehr zu bewegen, wie die Frage, ob Tempo 30 demnächst für eine mindestens einjährige Testphase auf einigen Straßen im Innenstadtbereich eingeführt werden soll. Oberbürgermeister Markus Lewe hat – sicher zu einigem Unbehagen seiner eigenen Partei – diesen Vorschlag für einen Modellversuch Anfang Juni formuliert. Damit hat er für überraschte Gesichter gesorgt, denn anscheinend hatte er vorab kaum jemanden über seine Pläne informiert. Das lässt die Diskussion derzeit vom Kern abdriften, aber schauen wir uns doch zunächst seine Idee an, von der ich selbst betroffen bin.

Aufgewachsen an der Hammer Straße lebe ich dort noch immer, wenn ich in Münster bin. In einem Kommentar auf der Facebook-Seite der Westfälischen Nachrichten habe ich dafür schon Mitleid erhalten. Ich solle demnächst von den Stadtoberen drangsaliert werden, hieß es. Das ist generell die vorherrschende Meinung: “eine unnötige Diskussion”, “Chaos wird ausbrechen”, “die da oben bevormunden uns, wo sie nur können”. Und überhaupt, so ein Tempolimit, das sei nur etwas für “Rentner, Arbeitslose und Leistungsverweigerer”.

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Tempo 30 – Mehr Fakten, weniger Emotionen

Da traut man sich fast kaum noch zu sagen, dass man die Idee gut findet. Aber ich oute mich hier und jetzt! Das haben auf der Startseite der WN in den letzten Tagen weitere 6.421 Menschen getan. Damit befürworten 65 % der Teilnehmer dieser nicht repräsentativen Umfrage die Einführung von Tempo 30 auf Münsters Innenstadtstraßen. Dennoch erlangt man bei der Lektüre von Zeitungsbeiträgen und besonders den Facebook-Kommentaren unter selbigen den Eindruck, dass dies mindestens den Zusammenbruch des gesamten innerstädtischen Verkehrs zur Folge hat. Fakten sind dabei nicht unbedingt relevant. Die WN behaupten zum Beispiel, dass Ampeln wegfallen würden und Radfahrer auf der Straße fahren müssen. Wie ein kurzer Blick in die Straßenverkehrsordnung zeigt, trifft das nicht zu. Der Appell des neuen Polizeipräsidenten Hans-Joachim Kuhlisch, die emotionale Debatte zu versachlichen, stößt hier auf taube Ohren. Ich versuche es noch einmal, aber ganz ohne Polemik geht das nicht.

Zurück „zu meiner Hammer Straße“: Wann bist du denn das letzte Mal zwischen Geiststraße und Ludgeriplatz mit deinem Auto selbstbewusste 50 Stundenkilometer gefahren und hattest dabei das Gefühl, dass dies eine absolut sichere Entscheidung ist? Vielleicht mitten in der Nacht. Denn ansonsten ist die Straße bereits so ausgelegt, dass schnelles Fahren unmöglich ist: mit drei Ampeln und Bushaltestellen, an denen die Busse nicht überholt werden können. An Werktagen kommen einige Lieferfahrzeuge hinzu, die den Verkehr verlangsamen. Die Hammer Straße ist zudem nicht mehr besonders relevant für Durchgangsverkehr. Wir sprechen hier im Übrigen über eine Strecke von gerade mal 1.100 Metern. Auch bei den anderen Straßenabschnitten im fraglichen Innenstadtbereich, die noch nicht auf Tempo 30 gedrosselt sind, gibt es keinen, der länger als eineinhalb Kilometer ist. Und auch auf diesen lassen die Verkehrsbelastung, die Lieferfahrzeuge, Busse und kreuzender Verkehr an einem Werktag selten noch einen Topspeed von fünfzig Stundenkilometer zu.

Münster braucht und will mehr Radfahrer

Nun gelangt man in der Diskussion relativ schnell zu dem Punkt, an dem die Verkehrsteilnehmer gegeneinander ausgespielt werden. Fußgänger sind blind, Radfahrer halten sich nicht an Regeln und Autofahrer rasen. Ich bin alles drei, lebe noch und das sogar unfallfrei. Ich weiß nicht, ob mich das nun qualifiziert für eine der Gruppen zu sprechen – oder gar für alle. Es gibt aber einen Effekt, der allen zugutekommt: Ein geringeres Tempolimit sorgt dafür, dass Unfälle mit Autos weniger häufig und weniger schwerwiegend sind. In einer Stadt, die sich selbst als lebenswerteste der Welt vermarktet, sollten steigende Überlebenschancen doch ein hohes Gut sein. Lebenswerter werden Städte, deren Verkehrsraum nun einmal begrenzt ist, durch geringere Umwelt- und Lärmbelastung sowie eine nicht so hohe Unfallgefahr, pflichtet mir auch der Diplom-Stadtplaner Martin Becker bei. Der 35-Jährige führt zudem an, dass es bei gleichbleibender, wenn gefühlt auch langsamerer Geschwindigkeit durch weniger Stop-and-Go, zu einem gleichmäßigeren und damit flüssigeren Verkehr kommt und durch weniger „Gas geben“ aufgrund der wegfallenden Geschwindigkeitsänderungen Lärm vermieden wird. Dass man den gemeinen Radfahrer in dieser Diskussion deshalb nicht außen vor halten kann, ist also klar. Unsere hohe Zufriedenheit in Münster erreichen wir auch stark durch das Fahrrad.

In Münster sind wir schon immer stolz auf unseren Radverkehr. Dabei stehen wir im nationalen und internationalen Vergleich immer schlechter da. Es gibt praktisch keine Investitionen mehr in die Verbesserung der Infrastruktur für den Fahrradverkehr. Die Planung aus den Siebzigerjahren ist überholt. Bis 2030 wird die Bevölkerung in Münster im Vergleich zu heute zudem um 10 % wachsen. Dass dies ohne stadtplanerische Veränderung nicht möglich sein wird, ist offensichtlich. 38 % aller Wege in Münster werden mit dem Fahrrad unternommen (wie man beim Amt für Stadtentwicklung nachlesen kann). Diese Zahl liegt über dem Anteil an Fahrten mit Kraftfahrzeugen, der bei 36 % liegt. Ziel des „Radverkehrskonzeptes Münster 2025“, das die Stadt Münster aktuell plant, ist die Steigerung dieser Zahl auf fünfzig Prozent. Ist es da nicht zumindest fair, sich damit auseinander zu setzen, wie man dem Radverkehr mehr Sicherheit ermöglichen kann? Das ist schließlich gut für alle Verkehrsteilnehmer. Eine Debatte ist hier wichtig, aber anscheinend sind die Gräben sehr tief.



Titel der „Fahrradstadt“ nur Marketing?

Denn Meinungen gibt es also schon einmal ohne Ende und dann ist ja auch noch Wahlkampf. Dass ausgerechnet ein CDU-Oberbürgermeister kurz vor der OB-Wahl solch einen Vorschlag macht, das hat die Parteienlandschaft in Münster durcheinander gewirbelt und so wird aus dem Vorschlag zunächst eine Diskussion über das Vorgehen der Verwaltung. In drei Monaten könnte es bei der Oberbürgermeisterwahl nur noch um Tempo 30 – oder eben nicht – gehen. Vielleicht deshalb hat sich SPD-Kandidat Jochen Köhnke am vergangenen Mittwoch gegen das Projekt ausgesprochen. Man wolle bessere Verkehrssicherheit, aber anders. So sollen einzelne Straßenzüge geprüft werden. Von dem Modellversuch wäre allerdings auch so nur ein gutes Dutzend betroffen. Hauptsächlich richtet sich der Unmut gegen die Verwaltung und die Art und Weise, in der Stadtdirektor Hartwig Schultheiß und Oberbürgermeister Markus Lewe vorgegangen sind. Man habe die Bürger und Parteien nicht involviert und schlicht niemanden informiert, außer der Zeitung. Münsters Grüne und deren OB-Kandidatin Maria Klein-Schmeink würden es begrüßen, wenn weitere Teile der Stadt mit dem neuen Tempolimit versehen werden. Sie könnte profitieren vom Hin und Her der anderen beiden Kandidaten.




Vom leidenschaftlichen Radler Markus Lewe ist inzwischen nicht mehr viel zum Thema zu hören. Im Rat ruderte er nun zurück: Es gebe noch keine Festlegungen, eine Vorlage folge im Herbst. Hat das Vorpreschen von ihm und Schultheiß zum aktuellen Zeitpunkt dem Vorhaben also vielleicht schon so sehr geschadet, dass es begraben wird, bevor endlich über Argumente gesprochen wird? Ganz glücklich dürfte seine Partei, die vor einem Jahr zur Kommunalwahl mit „Ich wähle CDU, weil … Münsters Verkehr wieder rollen statt kriechen muss“ geworben hat, mit seinem Konzept wohl eh nicht sein.

Es wird sich also zeigen, was nach dem Sommer vom frischen Wind in Münsters Verkehrspolitik übrig bleibt. Möglicherweise nur eine kleine Brise und eine Menge emotionaler Diskussionen, vielleicht der Auftakt für notwendige Reformen. Auf jeden Fall muss man sich in Münster fragen, ob der Titel „Fahrradstadt“ in Zukunft nur noch Marketing sein soll oder gelebt wird.

Für ein lebenswertes Miteinander wünsche ich mir, dass der Rauch, den die hitzige Diskussion hinterlässt, schnell abzieht und wir den Blick auf die Zukunft unserer Stadt lenken. Und da muss schnelles Autofahren im Stadtzentrum wohl hinten anstehen.

 

 

Über den Autor ()

Florian Voß ist freier Video-Journalist aus Münster mit Zweitwohnsitz Brasilien. Jahrgang 1988. Er arbeitet hauptsächlich zu den Themen Reisen, Medien, Lokales und Sport, was in der Leidenschaft zu Preußen Münster gipfelt. Der Kaufmann für Marketingkommunikation hat Wirtschafts-, Sozial- und Kommunikationswissenschaften studiert.

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